Der Belgische Konsul (orig. Premier sang) | Amélie Nothomb
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Wer durch meine Rezensionen scrollt, kann leicht feststellen, dass ich Amélie Nothomb sehr gerne lese. Ihre Bücher sind kurz, haben einen schlauen Humor, ein rasantes Tempo und schildern oft grenzüberschreitende Situationen, die uns Wahrheiten des Menschseins enthüllen. Die besondere Herausforderung, all das mit einer Biografie zu verbinden, meistert sie hier nicht ganz. Für einen charakteristisch starken Start spielt ihr allerdings in die Hände, dass Patrick Nothomb 1964 im Kongo Geisel genommen wurde. Das Buch beginnt so:
Ich werde vor das Erschießungskommando geführt. Die Zeit dehnt sich, jede Sekunde dauert hundert Jahre länger als die davor. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt.
Der Tod vor meinen Augen hat das Gesicht der zwölf Vollstrecker. Üblicherweise ist unter den ausgeteilten Waffen eine blind geladen. So kann jeder sich für unschuldig an dem zu verübenden Mord halten. Ich bezweifle, dass dieser Tradition heute Respekt gezollt wird. Keiner dieser Männer scheint den Wunsch nach möglicher Unschuld zu verspüren.
Zur Hinrichtung sowie zu den Ereignissen, die unmittelbar dazu führen, kehren wir aber erst nach über 100 Seiten wieder zurück. Zunächst geht es achtundzwanzig Jahre zurück, an den Anfang von Patricks Leben. Dann arbeiten wir uns langsam vor, durch den Kindergarten, dann die Ferien bei Großvater Pierre Nothomb. Viele Seiten werden dem Alter von sechs Jahren gewidmet, als wollte der Erzähler hier verweilen, in dem Wissen, was ihm bald blüht.
Durch die Ausdehnung gewisser Erfahrungen und die Aussparung anderer tut sich langsam die Frage auf, wie ein Kind erwachsen wird. Was kann ihm mitgegeben werden, welche Umstände begünstigen das Erwachsenwerden? Und wenn wir schließlich wieder im Kongo sind und unser Erzähler eine von 1500 Geiseln wird, müssen wir zwei Schritte zurücktreten und ganz neu fragen, ob es überhaupt möglich ist, auf das Leben vorbereitet zu sein.
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