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Stein und Flöte | Hans Bemmann

Thumbs downSteiniger Weg mit einigen verlockenden Flötenklängen

Als der Protagonist dieses Buches ganz still und lauschend auf die Welt kommt, wird er direkt Lauscher getauft. Auch wenn er älter wird, behält er dieses Gemüt bei und zweifelt, ob er in die Fußstapfen seines Vaters, des Großen Brüllers, treten kann. Also macht er sich auf zu seinem Großvater, dem Sanften Flöter, um etwas für – und über! – das Leben zu lernen.

Stein und Flöte ist ein Märchenroman. Die sprechenden Namen der Charaktere sollten schon in der Einführung aufgefallen sein. Aber auch sonst ist der Roman gefüllt mit Märchenkonventionen wie Wäldern und Schlössern, bösen Wölfen und tapferen Mäusen, Räubern und Nixen, Magiern und Hexen, einfachem Leben und großen Schätzen, Abenteuern und Träumen.

Wie Lauscher in die Welt reist, wird auch die Leser*in peu à peu in diese eingeführt. Übernatürliches und offenkundig Magisches ist rar und in der Erzählung eher nach hinten verlagert, wodurch die Einführung auch gleich wie eine vorsichtige Verführung gelingt. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass Lauscher vor allem im ersten Viertel viele wunderbare Geschichten über Orte, Menschen oder Gegenstände erzählt bekommt, die sich im weiteren Verlauf als echte Teile seiner Welt erweisen.

Stein und Flöte ist ein Bildungsroman. Wenn Lauscher in die Welt reist, dann tut er dies vor allem, um seinen Platz in jener zu finden. Immer wieder gerät er auf Abwege, wenn er sich zum Beispiel von Macht verleiten lässt und anderen seinen Willen aufzwingt. Neben Lektionen in Sachen Zorn, Gerechtigkeit, Hoffnung und Geduld bleibt aber vor allem diese Verführung der Macht das zentrale Thema für Lauscher – und somit auch für die Leser*in, die irgendwann Lauschers Lernresistenz überdrüssig zu werden droht.

Auf gut 800 Seiten spielt sich das Ganze ab, und auch gegen Ende ist Lauscher nicht gefeit davor, andere gar wortwörtlich nach seiner Pfeife tanzen lassen zu wollen. Dass dies eine schwierige Lehre ist und dass sie einen Menschen lange begleiten kann, sei gegönnt. Doch wenn Lauscher so lange und oft auf dieselbe Weise damit kämpft und erteilten Rat schnell wieder vergisst, so kam zumindest dieser Leserin dabei schon oft der Frust.

Stein und Flöte ist ein Märchenroman und ein Bildungsroman – und das ist noch nicht alles. In der Kombination der beiden Genres finden sich interessante Effekte. So spiegelt beispielsweise die Welt die Bildung des Protagonisten auf die Weise, dass viele Zusammenhänge anfangs überschaubar sind und erst durch Lauschers Eingreifen ins Wanken geraten. Später jedoch zeichnen sich auch weitreichende und komplexe Verhältnisse ab, die andersherum nun Lauscher aus dem Gleichgewicht bringen.

Motive wie die Kraft der Musik und die Augen als Tor zur Seele werden konsequent in die Geschichte verwoben. Erzählt wird allgemein mit viel Leichtigkeit und ein wenig Witz, die der magischen Welt zuträglich sind und Lust auf das Leben machen. Weniger erfreulich ist allerdings der Spott über Fettleibigkeit, der gegen Ende an einigen Stellen auftaucht und auch vom Erzähler goutiert wird. Auch der sexualisierende Blick auf alle weiblichen Charaktere und eine Beziehung mit fraglichem Altersverhältnis gegen Ende stoßen schlecht auf. Insgesamt ist es jedoch schlichtweg das teils stark stockende Erzähltempo, welches dieses ohnehin schon lange Buch sich unangenehm lange ziehen lässt, wenn eigentlich schon längst klar ist, wohin die Reise gehen sollte. Denn am Ende dieses dicken Wälzers fragen wir uns: War das schon alles?

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